Fünf Null. Im Fußball ein Kantersieg. Ich fühle mich wie das Team, das vom Platz gefegt wird — von meinem eigenen Körper. Ich bin die Null, keine Fünf, sitze auf der Ersatzbank — mein halbes Leben schon. 50 Kolumnen sollten mein Alter überschreiben: mit Witz, Selbstironie und einer Portion Sex-Appeal. Herausgekommen ist etwas anderes. Mit jedem Text meldete sich ein weiteres Gebrechen zu Wort.
Erscheint 28. September 2026 · Edition Salka
Sirko Salka schreibt über Hexenschüsse im Fetischkeller, FKK-Cruising, Staubsauger-Endorphine und die Scham eines offenen Hosenstalls, als wären das die großen Fragen des Lebens. Bei ihm werden sie es. Boulevardhirn trifft Bildung, Schmuddelkind trifft Divenpathos — körperlich, komisch, ostdeutsch-direkt und schamlos ehrlich, von der ersten überheblichen Zeile bis zu jenem Moment, in dem seine Maske verrutscht.
Beim ersten Mal guckt ihm Madonna tief in die Augen, ein kleines Souvenir aus New York landet auf dem Chirurgentisch im Berliner Krankenhaus und am Ende weiß er nicht, ob er Angst oder Lust hat.
Die Nacht mit einem Hipster endet in einer Zelle, während das Puppy Play unter dem Kronleuchter niemals hätte beginnen dürfen. Sein Alter vermasselt ihm zum ersten Mal den Abend.
Im Dialog mit seinem Körper kommt die Wahrheit endlich ans Licht. Während Kopf, Penis und Hintern unzuverlässig werden, tanzen die Hände und der Bauch verspielt aus der Reihe.
Lappalien wie ein offener Hosenstall werden zur Vollkatastrophe, aus dem einstigen Draufgänger ist ein sentimentaler Sausack geworden, der anfängt nachzudenken, bevor er den Bären erlegt.
Weder ein schlaffer Pimmel noch ein runder Bauch halten ihn vollständig davon ab, noch auf die Piste zu gehen. Dabei rückt der Moment der Wahrheit näher, bei dem es keine Ausreden mehr gibt.
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In meinen Vierzigern spielte das Alter keine Rolle, mit der 49 fühlte ich mich sogar heimisch, denn das war die Hausnummer meiner Kindheit. 15 Jahre lang lebte ich in einem Dresdner Plattenbau, und rückblickend waren das auch sehr schöne Jahre.
Doch als die 50 plötzlich um die Ecke schoss, mir immer gnadenloser auf die Pelle rückte, da bekam ich es mit der Angst zu tun. Denn die Zahl markierte einen Wendepunkt, sie dokumentierte einen beginnenden körperlichen Verfall, sie attestierte mir mein nahendes Altenteil. Wenn die 40 die Mitte des Lebens ist, beginnt nur einen Wimpernschlag später mit der 50 der Anfang vom Ende.
Und dagegen wollte ich etwas tun, wissend, dass es wohl eine Verzweiflungstat werden würde. Mit dem Laufen anzufangen wie einige Bekannte in diesem Alter, erschien mir wie ein Wettrennen mit der Wirklichkeit, in der Hoffnung, sich noch ein paar Lebensjahre hintenraus zu schinden.
Vielleicht rennen alte Knaben wie ich auch nur ihrer Jugend hinterher, ihrem Sex-Appeal, ihren Lebensgeistern – gut möglich. Wenn ich den Jungs auf dem Tempelhofer Feld oder in der Neuköllner Hasenheide begegne, dann fühle ich sofort mit ihnen – und ich verspüre plötzlich Mitleid und Wehmut. Vielleicht ist es aber auch Mitleid und Wehmut mit mir selbst, da ich mich eben nicht in die Funktionswäsche zwinge, mit Kompressions-Shirts und -Shorts, Leggings und Laufjacke kleide und schwitzend durchs Gelände pirsche, um paar Pfunde zu verlieren und wieder fitter zu sein.
Sport hat sich mein Lebtag nicht richtig angefühlt. Damit wollte ich wenige Atemzüge vor der 50 nicht brechen. Stattdessen beschloss ich, mir meinen geballten Midlife-Frust von der Seele zu schreiben. Und zwar täglich, in bunten Kolumnen. Für 50 Jahre, dachte ich mir, müssten 50 Kolumnen herhalten. Die Idee einer Challenge war geboren: Mein Countdown bis zum bitteren Feiertag, dem finalen Begräbnis meiner Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Jeden Tag einen Text schreiben, das schien mir technisch leicht lösbar.
Freunde lud ich in eine Social-Media-Gruppe ein, um sie an dem Abenteuer teilhaben zu lassen. Das Prozedere war einfach: Binnen einer Stunde wollte ich ein essayistisches Thema roh runterschreiben. Dazu stellte ich mir den Wecker und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Diese Praxis ist übrigens ein wundervolles Training für Schreibende. Für mich indes war sie weit mehr als das: Sie eröffnete mir eine Abenteuerreise durch mein Leben, mit mehr Überraschungen und Wendungen, als ich es je vermutet hätte.
Gleich mein erster Text hieß „Junger Mann – Ihr Krückstock"; darin ging es um eine Höflichkeitsfloskel, die mehr schmerzt, als sie schmeichelt. Und ohne es zu wissen, hatte ich damit schon die Lunte gelegt für das vorliegende Buch. Der entscheidende Groschen fiel bei mir reichlich spät: Erst nach 20 Kolumnen über Gott und die Welt und mich mittendrin erkannte ich ein Muster und das System dahinter. Bald entwickelte ich daraus ein Konzept.
Während des Schreibens tobte tief in mir ein harter Zweikampf: der erfahrene Journalist rang den Kolumnen-Neuling zunächst brachial nieder, er lag bald haushoch in Führung. Doch mit der Zeit veränderte sich das Kräfteverhältnis. Immer öfter schickte der Kolumnist den Redakteur abends vorzeitig zu Bett – um dann still und heimlich sämtliche Texte zu überarbeiten. Das Ergebnis wurde eine krasse Kiste, die einen gnadenlosen Perspektivwechsel von mir verlangte. Weg vom Welterklärer voller Weitsicht, hin zum aus eigener Erfahrung sprechenden Beobachter, der den Blick am Boden hält.
Bis zu meinem Geburtstag hatte ich dann immerhin 35 von 50 Texten verfasst – und damit die Challenge klar verloren. Aber darum ging es mir dann schon gar nicht mehr. Denn ich hatte während des Prozesses plötzlich dieses Buch geboren. Und genau mit dem entzückenden Baby in den Händen schaue ich einfach mal, wie ich mit der verfluchten Fuffzig klarkommen werde.
Sirko Salka, Sommer sechsundzwanzig
Dicke Dinger, Darkrooms, Dreier — darüber konnte ich seitenweise schreiben. Über das Eine, das wirklich zählt, brachte ich kein Wort heraus.
Eine Nacht im Fetisch-Club, ein Hexenschuss zur falschen Zeit, ein Bär, der die Schmerzpose für eine Einladung hält. Manchmal ist Timing ein Arschloch.
Ein junger Mann nennt mich nach dem Sex „Daddy". Seitdem sehe ich überall Väter mit Kindern — und frage mich zum ersten Mal, warum mich das so trifft.
Ich wollte nur Handschuhe kaufen. Meine Hände hatten anderes vor. Als mich ein locker zehn Jahre jüngerer Fremder im Supermarkt nach der Größe fragte, übernahmen sie das Kommando — und ich kam kaum hinterher.
Neugierig auf die ganzen 50 Kolumnen?
Jetzt vorbestellenEine Lesung im Rotbart, Neukölln — u. a. mit Sirko Salka
20:00 UhrAuf persönliche Einladung — André Schneider liest aus seinem neuen Buch „In einem stillen Zimmer", Sirko Salka liest eine Kolumne
Buchhandlung Prinz Eisenherz — weitere Infos folgen
Bildmaterial und Pressemitteilungen zum Download.
Pressemitteilung mit Buchinfos, Kurzbio und Leseproben-Auszügen.
Pressemitteilung als PDFPressemitteilung zum Gedichtband „Brennstoff im Blut".
Pressemitteilung als PDF„Junger Mann — Ihr Krückstock!" erscheint am 28. September 2026 bei Edition Salka. Der Vorbestell-Link ist noch nicht aktiv — tragen Sie sich ein, und Sie erhalten eine Nachricht, sobald es losgeht.
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